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Gastbeitrag/Gastimpuls

  • blockadenfreiraum
  • 6. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Feb.

Wenn das Nervensystem unter Dauerstress steht – eine psychologische Einordnung für Angehörige


Für diesen Beitrag habe ich das große Glück, fachliche Expertise aus der Psychologie auf meinem Blog teilen zu dürfen. Der folgende Text stammt von Professor Dr. Manfred Schedlowsky, einem ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet der psychologischen Stress- und Gesundheitsforschung.



Warum Angehörige von Schlaganfallpatienten emotional so stark belastet sind


Ein Schlaganfall trifft nie nur die betroffene Person, er trifft das gesamte System. Angehörige werden plötzlich mit Themen konfrontiert, für die es keine Vorbereitung gab: Verlustängste, Unsicherheit, enorme Verantwortung, Rollenveränderungen, Schuldgefühle, Überforderung, Zukunftssorgen.


Typische psychische Reaktionen:

  • Überlastung & Erschöpfung (vergleichbar mit chronischen Stressreaktionen)

  • Hilflosigkeit & Kontrollverlust

  • Angst und Grübeln

  • Trauer um das „frühere Leben“

  • Schuldgefühle, wenn man Grenzen setzt oder „an sich denkt“

  • Rollenverschiebungen (Partner wird Pflegender, Kind wird Versorger etc.)


Diese Reaktionen sind für diese Überforderungssituationen „normal“, aber sie können folgenreich werden, wenn sie dauerhaft bleiben.


Was passiert bei Überforderung psychologisch?


Die Angehörige geraten in eine Belastungsspirale:

  1. Hohe Anforderungen - Plötzlich ist man verantwortlich, entscheidet mit, organisiert, begleitet medizinische Prozesse.

  2. Wenige Ressourcen - Schlafmangel, fehlende Pausen, kaum Zeit für sich selbst.

  3. Überforderungsgefühle & Stress - Der Körper bleibt im „Alarmmodus“. Kognitive Funktionen (Planen, emotionale Regulation, Geduld, Problemlösung) werden eingeschränkt.

  4. Vermeidungsverhalten - Man funktioniert nur noch, vermeidet Gefühle, Pausen, Gespräche.(„Ich muss das schaffen“, „Ich darf nicht zusammenbrechen“)

  5. Dekompensation oder emotionale Abstumpfung - Burnout-ähnliche Symptome sind bei Angehörigen sehr häufig.


Deshalb ist Unterstützung essenziell – nicht ein Zeichen von Schwäche, sondern eine Form von Selbstschutz.


Warum ist es wichtig, Hilfe anzunehmen – und warum ist es verantwortungsvoll?


Viele Angehörige glauben, sie müssten das alles „alleine schaffen“. Aus psychotherapeutischer Sicht betrachtet ist das ein typischer Denkfehler:


Häufige belastende Grundannahmen:

  • „Wenn ich mich um mich kümmere, bin ich egoistisch.“

  • „Ich darf keine Schwäche zeigen.“

  • „Nur wenn ich alles mache, geht es meinem Angehörigen gut.“

  • „Ich muss stark sein.“


Diese Annahmen führen zu Selbstüberforderung.


Hilfe anzunehmen bedeutet:

  • Den Stresskreislauf aufzubrechen

  • Ressourcen aufzubauen

  • Überforderung zu reduzieren

  • Gesundheit langfristig zu schützen


Eigenverantwortung heißt nicht: alles alleine machen. Eigenverantwortung heißt: für das eigene Wohl aktiv zu sorgen.


Warum Akzeptanz so wichtig ist


Akzeptanz bedeutet nicht, dass man etwas gut findet, sondern dass man anerkennt, was real ist, um handlungsfähig zu bleiben.


Diese Akzeptanz unterstützt Angehörige dabei:

  • den Verlust des „früheren Lebens“ anzunehmen

  • nicht gegen die Realität anzukämpfen (kostet nur unnötige Energie)

  • realistische Erwartungen zu formulieren

  • den Betroffenen nicht ändern zu wollen

  • Verantwortung klar aufzuteilen


Akzeptanz schafft Raum für:

  • neue Lösungen

  • neue Formen von Nähe

  • Selbstfürsorge


Konkrete Ansätze zur emotionalen Unterstützung


1. Psychoedukation: „Alles, was du fühlst, ist normal.“

Angehörige müssen verstehen, dass Überforderung keine Schwäche ist, sondern eine logische Reaktion auf die ungewöhnliche Belastungssituation.→ Normalisierung nimmt Schuld und Scham.


2. Kognitive „Umstrukturierung“

Typische Gedanken überprüfen und verändern, z. B.:

Belastender Gedanke: „Ich darf nicht an mich denken. “Hilfreicher Gedanke: „Je besser ich für mich sorge, desto stabiler kann ich unterstützen.“

Belastender Gedanke: „Ich muss immer funktionieren. “Hilfreicher Gedanke: „Auch ich bin ein Mensch mit Grenzen.“


3. Stress- und Selbstmanagement

Konkrete Strategien:

  • Energiebilanz erstellen (Belastungen mit den eigenen Ressourcen abgleichen)

  • Micro-Pausen etablieren (ein paar Minuten reichen oft)

  • Schlaf- und Erholungsroutinen wieder aufbauen

  • „Notfall-Strategien“ für Überforderungsmomente

  • Priorisieren (Was MUSS? Was KANN? Was DARF wegfallen?)


4. Verhaltensaktivierung

Viele Angehörige verlieren ihre eigenen Bedürfnisse aus dem Blick.

Dabei kann helfen:

  • Aktivitätenliste mit Energiegebern

  • Bewusst Termine für sich selbst setzen

  • Wieder Kontakt zu Freunden / Hobbys aufnehmen

Kleine Aktivitäten stabilisieren Stimmung.


5. Grenzen setzen & Rollen klären

Dabei kann Folgendes helfen:

  • Nein sagen üben

  • Aufgaben verteilen

  • Schuldgefühle bearbeiten

  • Überverantwortung reflektieren

Grenzen schützen Beziehungen, sie zerstören sie nicht.


6. Akzeptanz- und Commitment-Strategien

  • Gefühle zulassen statt wegdrücken

  • Mitgefühlsübungen (Self-Compassion)

  • Fokus auf persönliche Werte mit Fragen die helfen: „Wie will ich diese Situation leben? Wer möchte ich in dieser Herausforderung sein?“


7. Kommunikationstraining

Angehörige profitieren enorm von:

  • Ich-Botschaften

  • klare Wünsche äußern

  • Erwartungen transparent machen

  • Konflikte wertschätzend lösen

Viele Überforderungen entstehen nicht durch die Situation selbst, sondern durch unausgesprochene Bedürfnisse.


8. Systemische Perspektive einnehmen

Ein Schlaganfall verändert das gesamte Familiensystem.

  • Jeder reagiert anders – das ist okay.

  • Menschen müssen nicht gleich belastet sein.

  • Veränderungen in Rollen und Dynamiken sollten bewusst angesprochen werden.

  • Nicht den anderen ändern wollen – sondern Umgang damit.


Was Angehörige oft übersehen – aber essenziell ist


  1. Trauerarbeit - Der Verlust des „früheren Lebens“ muss betrauert werden dürfen.

  2. Die Beziehung verändert sich. Angehörige brauchen Raum, über diese Veränderungen zu sprechen.

  3. Selbstfürsorge ist kein Luxus – sondern Überlebensstrategie.

  4. Man darf wütend, traurig oder erschöpft sein. Das schmälert die Liebe nicht.

  5. Angehörige sind ebenfalls Betroffene. Ihre Belastung ist real und verdient Aufmerksamkeit.


Professor Dr. Manfred Schedlowsky

Psychologie | Verhaltensimmunbiologie


 
 
 

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